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“Es geht nur, wenn alle zusammenhalten”

Wie kommen wir wieder raus aus der Milchpreiskrise? Das war eines der beherrschenden Themen meines Besuchs der Berchtesgadener Milchwerke – die Molkerei, die derzeit völlig zu Recht als leuchtendes Beispiel für nachhaltiges und erfolgreiches Wirtschaften im Milchsektor herangezogen wird.

36 Cent erhalten die Genossenschaftslandwirte derzeit von ihrer Molkerei für den Liter Milch – fast doppelt so viel wie im nationalen Durchschnitt (22 Cent; Stand 25.7.2016). Doch dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr: schon seit Jahren verfolgt die Molkerei eine Strategie, die, ausgehend von den Verbraucherwünschen, alle Marktteilnehmer im Blick hat.

 “Wir denken von der Verbraucherseite her”

Bio oder konventionell? Die Berchtesgadener Milchwerke bedienen beide Schienen, und sind damit eher eine Seltenheit unter den Molkereien. In Piding werden 1/4 Biomilch und 3/4 konventionelle Milch verarbeitet. Dabei orientiert sich die Molkerei direkt an den Wünschen der Verbraucher, so Geschäftsführer Bernhard Pointner:  “Wir denken immer von der Verbraucherseite her”. Die Produkte tragen seit Jahren das Label “gentechnikfrei”; dazu fördert die Molkerei die Reduzierung von Antibiotika und den Einsatz von Homöopathie.

“Gen over” im Einzelhandel

Jetzt gibt den Pidingern auch die Entwicklung im Einzelhandel Recht:  die Handelskonzerne verlangen verstärkt Milch ohne grüne Gentechnik – wer für die Handelsmarken der Konzerne liefert, muss sich zur gentechnikfreien Milcherzeugung verpflichten. Seit Lidls Marketingkampagne “Gen over” ist Milch mit grüner Gentechnik im Prinzip nicht mehr verkäuflich.

Im Bereich Verbraucherschutz gibt es für die Politik trotzdem noch Einiges zu tun: manche Molkereien werben mit Bildern und Halbwahrheiten, die mit der realen Milcherzeugung nichts zu haben. Den Pidingern ist deshalb umso wichtiger, dass sie dem eine “real existierende Heidi-Idylle” entgegensetzen. Die Geschichten, die sie mit ihren Produkten erzählten, seien wahr und für den Verbraucher nachvollziehbar. „Uns geht es um tolle Qualität, und die fängt bei den Bäuerinnen und Bauern an“, betont Pointner.

Regionaler Zusammenhalt

Dazu passt auch, dass die Molkerei trotz guter Entwicklung konservative Wachstumspläne verfolgt. Zwar wird der Magerquark nach Großbritannien exportiert und die Produktpalette beginnt gerade, Berlin zu erobern. Doch alle Milchbauern in der Region, die dank des guten Milchpreises gern zu den Pidingern liefern würden, kann die Genossenschaft derzeit trotzdem nicht aufnehmen. Vielerorts hätten die Bauern es einfach versäumt, mit ihren Molkereien zu reden, ob diese überhaupt eine höhere Milchmenge verarbeiten könnten, bevor sie Ställe spiegelten und die Milchmenge verdoppelten.

Doch wie kann dieses erfolgreiche Geschäftsmodell weiter ausgebaut werden, damit noch mehr Milchbauern von einem guten Milchpreis leben können? “Es geht nur, wenn alle zusammenhalten“, erklärt Pointner. Die Gastronomie müsse erkennen, dass die Landschaft, die die Touristen lockt, durch die heimische Milchwirtschaft entstanden ist und erhalten bleibt – und damit auch die entsprechende Milch ins Angebot nehmen. Gleichzeitig müssten aber auch die Bauern erkennen, dass die Touristen auch für die Landschaft zahlen und deshalb am Freitag Abend, wenn alle draußen sitzen, keine Gülle ausfahren. Und die Bauern müssten das große Ganze im Auge behalten: das System funktioniere nur, wenn keiner “mit der Milchmenge ausbüchst”, weil er sich einen persönlichen Vorteil erhofft, sondern jeder die Genossenschaft im Auge behält.

 

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