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Grüne Agrar-Expertinnen auf der EXPO

Gemeinsam mit Renate Künast besuchte ich die EXPO in Mailand. Deren Motto „Den Planeten ernähren – Energie für das Leben“ und seine Umsetzung wollten wir genau unter die Lupe nehmen.

Erster Eindruck  der EXPO: ein Riesen-Volksfest! Pro Tag besuchen sage und schreibe 150.000 Besucher auf die Weltausstellung – und sie erwarten natürlich gute Unterhaltung. Die Länder-Pavillons wetteifern dabei mit den großen Sponsoren um die Besuchergunst.

Dass es um das Thema Ernährung geht, fällt zuallererst beim Plastikobst und –gemüse ein, das in großen Marktständen auf der Hauptstraße aufgebaut ist. … Dass alles vor allem eine große Show ist, merken wir im japanischen Pavillon, wo wir im „Restaurant der Zukunft“ neben einer Musical-Darbietung nur virtuelles Essen auf unseren Tellern haben. Aber immerhin beschäftigt sich Japan mit dem Thema; in ihrem Fall besonders mit dem Gegensatz ihrer Tradition und Moderne. Das gilt nicht für alle Aussteller.

 

Nicht nur Fast Food, sondern auch Slow Food

„Dies ist das erste und letzte Mal, dass Slow Food an einer EXPO teilnimmt“, erklärt dann auch Roberto Burdese von Slow Food Italia. Und auch die Teilnahme an dieser heimischen Weltausstellung – Slow Food wurde ja in Italien gegründet – ist intern viel diskutiert worden. „Mit unserer Teilnahme wollten wir aber letztlich auch den lokalen Produzenten, den kleinen Landwirten, eine Stimme hier auf der EXPO geben“, so Burdese. Und auch die Weltausstellung selbst legte großen Wert darauf, dass nicht nur die großen Sponsoren ihre Version von „Den Planeten ernähren“ zeigen können – sie zahlt Slow Food sogar das Standpersonal. So bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Menschen auch die Ideen von Slow Food dazu, wie der Planet sich ernähren kann, mit nach Hause nehmen. Auch wenn moderne ökologische Landwirtschaft natürlich noch viel mehr kann und auch leisten kann als der traditionelle Schäfer, bei dem Slow-Food-Anhänger am liebsten einkaufen.

 

Deutschland, Land des Ökolandbaus

Viel neue Technik – trotzdem wurden hier viele Chancen verpasst. Natürlich ist die EXPO keine Fachmesse, sondern soll die breite Masse für das Thema sensibilisieren. Trotzdem hätte vor allem das „Land der erneuerbaren Energien“ Deutschland zumindest versuchen können, den Pavillon energieautark zu gestalten – bei Österreich gelingt das schließlich auch. Und wenn Generaldirektor Schmitz sagt „Deutschland soll hier anders verkauft werden, als es sonst wahrgenommen wird“, dann stimmt das auch: von Agrarindustrie in Deutschland keine Rede – es wirkt wie das Musterland des Ökolandbaus! Immerhin sind einige der prominentesten deutschen Biobauern und –produzenten – unter anderem der Freisinger Sepp Braun – virtuell vertreten.

Die deutsche Wirklichkeit sieht aber ganz anders aus. Das ist für mich Schönfärberei, hier hätte mehr kritische Herangehensweise gut getan.

 

Dabei fehlt auch ein durchgängiger roter Faden – von der Lebensmittelproduktion zum Essen: im „Supermarkt der Zukunft“ fehlt jede Info, woher die Lebensmittel kommen. Beim Imbiss: keine Spur von Bioprodukten. Und: Wo kommt der Schweinebraten her, der im Restaurant angeboten wird? Schön wäre auch ein „Regionaltag“ pro Woche, mit Gerichten aus den deutschen Regionen, gewesen. Wenn man das Konzept so intensiv proklamiert, hätte man es wenigstens teilweise umsetzen sollen.

Am Ende des Pavillons müsste die Frage stehen: Wie baue ich dieses System um? Denn wer kann all die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dem deutschen Pavillon umsetzen: nur die ökologische Landwirtschaft!

Der Deutsche Messeauftritt hat für mich die Chance vertan, als Pionier voran zu gehen.

 

App für Schweine

Auch Interessant: der Pavillon der Niederlande. Die Planer hatte die wirklich schöne und auch publikumswirksame Idee, den Pavillon als Festivalgelände zu gestalten – mit echten holländischen Food Trucks. Auch die Vorstellung der Innovationen im Land drehten sich um das Thema Lebensmittelproduktion – wenn auch teilweise in für uns durchaus fragwürdigen Ideen: da wurde eine App präsentiert, mit der der Landwirt Farbspiele an die Wände seines Schweinestalls werfen kann, damit die Schweine abgelenkt sind und sich nicht gegenseitig beißen. Unerwähnt blieben dabei die positiven Auswirkungen eines größeren Platzangebots… Interessant allerdings die Innovationen im Hühnerstallbau und bei schwimmenden Gewächshäusern.

 

Ohne Luft kein Überleben

Es geht also doch! Das könnte das Motto des österreichischen Pavillons sein. Denn seine Macher haben nach dem Motto „Air is Food“ einen Wald gepflanzt, in dem die Besucher der EXPO durchatmen können. An heißen Mailänder Tagen kann man damit besonders ein Bewusstsein dafür schaffen, wie Grünflächen das Klima beeinflussen: es herrscht gute Luft, der Wald bietet einen kühlenden Effekt, sogar eine Amselfamilie hat mitten im Pavillon ausgebrütet.

Der Pavillon ist klimapositiv, produziert also mehr Energie als verwendet wird – auch dank einer innovativen Technologie zur Energiegewinnung, den Grätzel-Zellen. Das Catering: biologisch! Der Pavillon: nachhaltig! Er wird zum größten Teil nach der EXPO wiederverwertet, z.B. für ein Yogastudio in Graz; die Bäume gehen nach Südtirol.

 

Mein Fazit:

Die Welt trifft sich – das gefällt mir als Idee, deshalb finde ich prinzipiell auch die Weltausstellung gut. Wir „normalen Menschen“ haben dadurch eine Möglichkeit mehr, über den Tellerrand zu schauen.

Am Thema der EXPO sieht man aber auch, wie weitblickend die Grünen sind: der Grundsatz „Global denken, lokal handeln“ ist eindeutig der richtige Denkansatz für die wichtigen Probleme von heute.

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