Eine Riesenchance für die Landwirtschaft

Artikel mit freundlicher Genehmigung von Katharina Schmid

Voller Saal im Freisinger Furtnerbräu: ExperteInnen und Gäste diskutieren bei der Veranstaltung der Landtags-Grünen zum Thema „Europas Ernte – Was die EU für unsere Artenvielfalt tun kann“

„Die grüne Welle rollt. Nicht nur politisch, sondern auch landwirtschaftlich. Zeit wird’s!“ Mit diesen Worten begrüßte Gisela Sengl, Sprecherin für Landwirtschaft und Ernährung der bayerischen Grünen im Landtag, die mehr als 100 Gäste, die am Donnerstagabend in den Freisinger Furtnerbräu gekommen waren. Ein Diskussionsabend zum Thema „Europas Ernte – Was die EU für unsere Artenvielfalt tun kann“ war den Besuchern angekündigt worden, hochkarätige Gäste aus der Agrarbranche dazu geladen: Reinhild Benning und Felix Prinz zu Löwenstein. Benning leitete bis 2015 das Referat Agrarpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz. Seit November 2015 befasst sie sich bei Germanwatch mit Landwirtschaft und Tierhaltung. Löwenstein, Agrarwissenschaftler und Biolandwirt, war als Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) vertreten. Musikalisch begeisterte das lokale Duo Häns Czernik und Sandra Rieger auf Gitarre und Geige. 

Moderiert wurde der Abend von Paul Knoblach, Sprecher für Tierwohl der Landtags-Grünen und neben Sengl und Hans Urban einer von drei Biobauern aus den Reihen der 38 Grünen-Abgeordneten. Die Forderung der Grünen wurde von Sengl am Donnerstagabend deutlich formuliert: „Öffentliche Gelder für öffentliche Leistungen.“ Die EU müsse die Gelder, die sie an Landwirte bezahle, so ausgeben, „dass es unsere Lebensgrundlage schützt: für Klima-, Wasser- und Bodenschutz“, so Sengl. „Das Volksbegehren Artenvielfalt hat gezeigt, dass es ein großes Bedürfnis der Menschen ist, dass sich wirklich was ändert.“ Die aktuellen Zahlungen der EU an Landwirte kritisierte sie stark.

Etwa 38 Prozent des EU-Budgets, das entspricht 58 Milliarden Euro im Jahr, fließen im Moment in den Agrarhaushalt. Damit ist die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der größte Haushaltsposten der EU. 80 Prozent davon werden als Flächenprämien, also Direktzahlungen an Landwirte je nach Fläche, ausgezahlt. Nur 20 Prozent fließen in die sogenannte zweite Säule der GAP, die Programme für Ökolandbau, Landwirte in benachteiligten Gebieten und anderen Klima-, Umwelt- und Naturschutzmaßnahmen finanziert. „Das muss sich ändern. Wir wollen von quantitativen zu qualitativen Zahlungen“, sagte Sengl.

Löwenstein unterstützte diese Forderung. „Wir als Bauern wirtschaften in Ökosystemen und hängen davon ab, dass diese komplexen Systeme funktionieren“, sagte er. Die Biodiversität bezeichnete er als „Immunsystem der Erde“, werde die natürliche Vielfalt unterbrochen, funktionierten die natürlichen Kreisläufe irgendwann nicht mehr. „Rezeptlandwirtschaft ist bei uns zum Normalfall geworden. Das holt uns ein.“ Benning ergänzte, dass Bauern an mehreren Stellschrauben drehen könnten, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Biotoptypen müssten erhalten werden, der Einsatz von Pestiziden und Dünger minimiert werden und: „Die Bauern müssen politisch bleiben. Zum Schutz der Artenvielfalt und ihres Einkommens.“

Einig waren sich die DiskutantInnen, dass der Ökolandbau etwa durch Fruchtfolgewirtschaft und Beikräuter auf den Feldern große Vorteile für die ökologische Vielfalt von Pflanzen und Tieren bringe. Doch auch in der konventionellen Landwirtschaft könne viel getan werden für die Artenvielfalt.

Grundsätzliche Einigkeit zwischen Podium und Publikum herrschte im Punkt des Miteinanders. Nur wenn ökologisch und konventionell wirtschaftenden Landwirte miteinander anstatt übereinander sprechen würden, könnten Schritte in die richtige Richtung erfolgen.

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