Grüner Besuch bei der RoMed Klinik Bad Aibling: v.l.n.r.: Dr. med. Wolfgang Vorhoff (Belegarzt RoMed Klinik), Landtagsabgeordnete Kerstin Celina und Gisela Sengl (Bündnis 90/Die Grünen), Dr. med. Guido Pfeiffer (Ärztlicher Leiter RoMed Klinik), Erhard Marburger (kaufmännischer Leiter RoMed Klinik), Andrea Rosner (stv. Landrätin), Georg Reinthaler (Mitglied im Aufsichtsrat der RoMed Klinik) und Anita Fuchs (Bündnis 90/Die Grünen, Kreisverband Rosenheim);  Foto: Büro MdL Celina

Geburtshilfe am Wendepunkt – Besuch der RoMed Klinik Bad Aibling

Die Geburtshilfe steht derzeit an einem Wendepunkt. Immer wieder müssen Geburtshilfestationen in Bayern schließen. Aktuell ist davon die RoMed Klinik in Bad Aibling betroffen. Gemeinsam mit meiner Landtagskollegin Kerstin Celina traf ich mich deshalb mit Klinkleitung, Ärzten und Hebammen der RoMed Klinik, um über die Möglichkeiten zur Sicherung der Geburtshilfe in der Region zu sprechen. Hier der Bericht:

Kleinere Kliniken im ländlichen Raum in Bayern können eine Geburtshilfestation üblicherweise nur mit Belegärzten und freiberuflichen Hebammen betreiben, wie es in Bad Aibling der Fall ist. Wird dieses System an die Wand gefahren, werden weitere Kreißsäle und Geburtshilfestationen schließen. Die Lage in Bad Aibling ist besonders kompliziert: In der RoMed Klinik Bad Aibling stiegen die Geburtenzahlen in den letzten 10 Jahren von 300 auf über 600 Geburten im Jahr. „Das zeigt, welch hohes Vertrauen uns die werdenden Mütter entgegenbringen“ erklärte der Ärztliche Leiter, Dr. Guido Pfeiffer. Die Geburtshilfestation in Bad Aibling ist seit vielen Jahren so konzipiert, dass Belegärzte und freiberufliche Hebammen die Geburten betreuen: „Damit können Schwangere, die während der Schwangerschaft von einem unserer freiberuflich tätigen Ärzte betreut werden, mit ihrem Arzt und ihrer Hebamme in unserer Klinik entbinden“. Die Klinikleitung kann jedoch nicht steuern, wieviel Ärzte und Hebammen für eine Geburt von den Krankenkassen bezahlt bekommen, und die Klinikleitung hat auch keine Möglichkeit, die Versicherungsprämien für die Freiberuflichen zu beeinflussen, die eine Tätigkeit in der Geburtshilfe immer weniger attraktiv machen.“ Der Belegarzt Dr. Wolfgang Vorhoff, seit vielen Jahren in der Geburtshilfe in Bad Aibling tätig, rechnete vor: „Für einen Gynäkologen, der eine Praxis unterhält, fallen im Jahr etwa 3000 Euro an Versicherungsprämie an. Übernimmt er dann noch die Geburtshilfe in einer Klinik, kommen im Jahr bei einer zeitgemäßen Versicherung 50000 bis 84000 Euro Versicherungsprämie zusammen. Bei den derzeitigen Vergütungen für eine Geburt, muss man als Arzt im Jahr  etwa 200 Geburten leiten, bis man erst einmal die zusätzlichen Kosten für die Haftpflichtversicherung eingenommen hat“. Für die Hebammen ist die Lage zwar etwas besser, aber eine Geburt von einer Dauer bis zu elf Stunden wird mit gerade einmal 272 Euro brutto vergütet. Es wurden 2015 bei den Hebammen Sicherstellungszuschläge gesetzlich verankert. Dennoch verbringt eine Hebamme ebenfalls viele Tage im Kreißsaal, ohne einen einzigen Euro übrig zu behalten.

Für Celina und Sengl sind diese Berechnungen nicht neu. „Der erste Fehler ist schon vor einigen Jahren passiert, als der Gesundheitsminister Gröhe endlich die Reißleine zog und für die Hebammen die sogenannten Sicherungszuschläge einführte, mit denen weitere Steigerungen der Haftpflichtversicherung auf Kosten der Hebammen vermieden wurden. Dies war viel zu spät“, kritisierte Kerstin Celina, „zu dem Zeitpunkt waren schon viele Hebammen ausgestiegen aus der Geburtshilfe, die sich dann auf andere Tätigkeitsfelder konzentrierten, wie z.B. Kurse während der Schwangerschaft, und die heute damit ausgelastet sind. Diese Hebammen werden zu den heutigen Konditionen nicht mehr in die Geburtshilfe einsteigen“, so Celina. Und auch für Ärzte ist der Einstieg in die Geburtshilfe unattraktiv: „Die Praxen sind voll belegt, die Ärzte haben sowieso schon eine Vollzeittätigkeit. Wer kann und will es sich denn leisten, die ausgebuchte Praxis zu unplanbaren Zeiten zu verlassen, um eine Geburt zu leiten, v.a. dann, wenn das Vergütungssystem absolut unattraktiv ist?“, so Dr. Guido Pfeiffer.

„Für uns kam erschwerend hinzu, dass wir aufgrund der beschriebenen Rahmenbedingungen schon seit Jahren kaum Personal finden konnten für unsere Geburtshilfestation“, erklärte Pfeiffer weiter. „Kommt dann ein an sich freudiges Ereignis wie die eigene Familiengründung hinzu, bleibt die berufliche Tätigkeit in der Geburtshilfe als erstes auf der Strecke. Und Berufseinsteiger sind auch ohne Geburtshilfe durch ihre freiberufliche Tätigkeit als Arzt oder Hebamme schon voll ausgelastet und übernehmen freiwerdende Felder nicht“. Der Versuch, Hebammen durch Festanstellungen an sich zu binden, scheiterte. „Kein Wunder“, meint Celina. Seit Monaten schwele schließlich der Streit zwischen Hebammenverbänden und den kassenärztlichen Vereinigungen über die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen in den Kliniken. Weder eine Schiedsstelle noch ein Runder Tisch bei der Bayerischen Gesundheitsministerin konnten bisher eine Einigung erzielen. Und weil die Verhandlungen feststecken, mache es für Hebammen in dieser Situation gar keinen Sinn, sich fest in einer Klinik anstellen zu lassen, ohne zu wissen, welche genauen Vor- und Nachteile das für ihre berufliche Tätigkeit bringen wird. „In dieser Situation hat die Klinikleitung mit ihrem Angebot für eine Festeinstellung gar keine Chance.“

Der Abgeordneten Gisela Sengl, die auch Mitglied im Bildungsausschuss ist, liegt die Ausbildung der Hebammen besonders am Herzen: „Die Geburtshilfestation in Bad Aibling ist ausgelastet und rechnet sich und die Klinikleitung möchte sie gern weiterführen. Es ist deshalb umso trauriger, dass die Schließung nun aus Personalmangel geschieht. Für mich liegt ein Knackpunkt dabei in der Ausbildung der Hebammen. Wir müssen diejenigen, die sich für dieses Berufsfeld interessieren, so ausbilden und fördern, dass sie in den Bereichen und in den Regionen ihren Beruf ausüben, wo ein Mangel herrscht. Wir müssen Hebammenschülerinnen verstärkt in den demographischen Boom-Regionen ausbilden, damit sie schon während der Ausbildung dort leben. Egal, ob eine Ausbildung akademisch oder in einer Schule erfolgt: am Schluss muss es attraktiv sein, als Hebamme zu arbeiten.“

Will man die Schließung von weiteren kleineren, meist ländlichen Geburtshilfestationen vermeiden, ist jetzt schnelles politisches Handeln gefragt: „Konzepte gibt es“, so Celina, und verweist auf die Einführung von Sicherstellungszuschlägen, Prämien für Praxisniederlassungen von Ärzten und Hebammen, eventuell verknüpft mit der Zusicherung, eine Mindestanzahl von Jahren in der Geburtshilfe zu arbeiten, attraktive Wohn- und Arbeitsbedingungen zu schaffen und Arbeitsmodelle zu entwickeln, bei denen die eigene Familie der in der Geburtshilfe Beschäftigten trotz Praxisleitung und zusätzlichen Nacht- und Schichtdiensten nicht auf der Strecke bleibt. „Wenn wir zu lange warten, verlieren wir Geburtshilfe in der Form, wie wir sie heute kennen, und der Schließung der Geburtshilfe in Bad Aibling werden weitere folgen“ fasst Celina die Erkenntnisse aus dem gemeinsamen Gespräch vor Ort zusammen. “Jahrzehntelang funktionierte die Zusammenarbeit von Kliniken, freiberuflichen Belegärzten und Hebammen zur optimalen Versorgung von werdenden Müttern gut, aber aufgrund der ausufernden Versicherungskosten kippt uns gerade das ganze System weg, und am Ende wird eine andere Geburtshilfe stehen. Bad Aibling ist nur ein Beispiel in einer langen Kette von geschlossenen Geburtshilfestationen, und andere werden folgen”, prophezeite die Abgeordnete und fordert die Staatsregierung auf, endlich zu handeln. Für die Klinikleitung stellt Erhard Marburger, Kaufmännischer Leiter, abschließend fest: „Wir werden den Kreißsaal vorläufig noch nicht abbauen, denn sollte sich durch einen glücklichen Zufall doch noch gutes Personal bei uns in ausreichender Zahl bewerben, würden wir gerne weitermachen mit der Geburtshilfe“. Aber danach sieht es derzeit, realistisch betrachtet, nicht aus.

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